Reallabore

Ein jüngerer Forschungsansatz

Das Konzept des Reallabors steht zwischen einer natur- und sozialwissenschaftlich ausgerichteten Forschung und ist im deutschsprachigen Kontext erst seit einigen Jahren populär. Es wendet den naturwissenschaftlichen Labor-Begriff auf die Analyse sozialer Prozesse an. Damit ist das Ziel verbunden, nachhaltige, transformative Lösungen für ‚realweltliche’ Probleme in konkreten gesellschaftlichen Settings zu finden und zu erproben. In Reallaboren kooperieren Wissenschaftler_innen mit Bürger_innen und Praxisakteuren aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Gemeinsam denken sie über Forschungsfragen nach, gestalten den Forschungsprozess und entwickeln Lösungen. Forschung in Reallabore beobachtet nicht nur den gesellschaftlichen Wandel zu mehr Nachhaltigkeit, sondern trägt aktiv dazu bei.

 

Reallabore in „Ankunftsquartieren“

Reallabore sind für sogenannte „Ankunftsquartiere“  von besonderer Relevanz, denn sie verlangen das Einbeziehen unterschiedlicher Akteure und Interessen. So werden neue Maßnahmen und Ideen für eine verbesserte Teilhabe zusammen mit Quartiersbewohnerinnen und -bewohnern bedürfnisorientiert entwickelt und direkt erprobt. Auf diese Weise sollen Reallabore aus der Praxis heraus Hinweise für die politische, planerische und gesellschaftliche Gestaltung von Integrationsprozessen liefern.

 

Unser Verständnis von Reallaboren

Im Projekt KoopLab verstehen wir Reallabore einerseits als physisch-materielle Orte, an denen an einer Freiraumgestaltung kollaborativ gearbeitet wird (z.B. urbane Gärten). Zum anderen sind für uns Reallabore Foren des Treffens, Aushandelns und Justierens von unterschiedlichen Interessen im Stadtraum. Über die Projektlaufzeit sollen sich die Reallabore verändern und als erprobte Kommunikationsforen kommunaler, privatwirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Partner verstetigt werden.

 

Offene Fragen

Da das Instrument des Reallabors noch sehr neu ist, sind mit ihm diverse offene Fragen verbunden. Wir hoffen, durch das Projekt KoopLab neue Einsichten unter anderem zu folgenden Aspekten zu gewinnen:

  • Welche Rolle oder Rollen übernimmt Wissenschaft in Reallaborprozessen? Wie kann eine kontinuierliche Reflexion dieser (Mehrfach)rollen sichergestellt werden?
  • Können Ergebnisse der Reallabore wirklich auf andere Kontexte übertragen werden? Wird die jeweilige Spezifik des Kontextes ausreichend beachtet?
  • Welchen besonderen Herausforderungen begegnen Reallabore in Ankunftsquartieren?

 

Zum Weiterlesen:

Parodi, Oliver, Richard Beecroft, Marius Albiez, Alexandra Quint, Andreas Seebacher, Kaidi Tamm und Colette Waitz (2016): Von „Aktionsforschung“ bis „Zielkonflikte“. Schlüsselbegriffe der Reallaborforschung. In: Technologiefolgenabschätzung – Theorie und Praxis 25 (3): 9-18.

Das Glossar bietet einen systematischen, fokussierten Überblick über Konzepte und Begriffe, die für die Reallabor-Forschung wichtig sind. Damit bietet sich nicht nur die Möglichkeit eines schnellen Einstiegs in das Konzept selbst. Vielmehr gelingt es mit dem Glossar auch, die Spezifik von Reallaboren im Vergleich zu verwandten Methoden zu verstehen und Reallabore im Verhältnis zu wissenschaftlichen Paradigmen wie Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung einordnen zu können.

 

Schäpke, Niko, Franziska Stelzer, Matthias Bergmann, Mandy Singer-Brodowski, Matthias Wanner, Guido Caniglia und Daniel J. Lang (2017): Reallabore im Kontext transformativer Forschung. Ansatzpunkte zur Konzeption und Einbettung in den internationalen Forschungsstand (= IETRS Discussion Papers 1/2017). Leuphana Universität Lüneburg. Online unter: http://www.isoe.de/uploads/media/Schaepke-et-al-2017.pdf

Das Discussion Paper bietet einen umfassenden Einblick in den aktuellen Stand der Reallabor-Forschung. Dabei werden nicht nur Charakteristika von Reallaboren systematisch herausgearbeitet, sondern sie werden auch mit vergleichbaren methodischen Ansätze in Beziehung gesetzt. Damit trägt das Paper wesentlich zu einer Schärfung des Reallabor-Konzepts bei.

 

Wagner, Felix und Armin Grunwald (2015): Reallabore als Forschungs- und Transformationsinstrument. Die Quadratur des hermeneutischen Zirkels. Ökologische Perspektiven für Wissenschaft und Gesellschaft 24 (1): S. 26 – 31.

Der Artikel bietet eine konzentrierte Einführung in das Instrument des Reallabors, benennt seine Potentiale, Herausforderungen und offene Fragen für die transformative Forschung. Deutlich wird, dass Reallabore bisher besonders für Nachhaltigkeitsforschung angewendet werden und als „Hybride“ zwischen Wissenschaft und Gesellschaft stehen.

Universität Osnabrück
IMIS - Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien
HELMHOLTZ - Zentrum für Umweltforschung - UFZ
ILS - Institut für Landes- und Entwicklungsforschung gGmbH