Sozial-ökologische Ungleichheit

Was verstehen wir unter sozial-ökologischer Ungleichheit?

Das Konzept der sozial-ökologischen Ungleichheit vereint folgende drei Entwicklungen in Stadtplanung und -forschung:

  • die Verknüpfung von sozialen und ökologischen Problemlagen,
  • die ungleiche Verteilung von Umweltbelastungen sowie die ungleiche Verteilung von/
    Zugänglichkeit zu Umweltressourcen und
  • Zielkonflikte zwischen sozialen und ökologischen Entwicklungen auf Stadt- und
    Quartiersebene.

Ein komplexes Zusammenwirken: Was sind sozial-ökologische Problemlagen?

Ein Blick auf die sozial-ökologischen Problemlagen einer Stadt zeigt die Verknüpfungen von klassischen Umweltproblemen, sozialen Problemen sowie ökologischen und sozialen Folgeproblemen wie eine verstärkte soziale Segregation durch Begrünung oder eine stärkere Belastung ärmerer Haushalte durch ungesunde Umweltbedingungen. Im Blickpunkt stehen dabei nicht die einzelnen sozialen oder ökologischen Probleme, sondern v.a. ihr Zusammenwirken.

Umweltgerechtigkeit: die Verteilung von Ressourcen und Lasten im Fokus

Umweltgerechtigkeit erfasst die (ungleiche) Verteilung, Zugänglichkeit und Qualität von umweltbezogenen Gütern und Belastungen, etwa von Grünflächen und Erholungsräumen auf die Stadtgebiete oder eine höhere Belastung mit Lärm und Schadstoffen in bestimmten Wohnlagen. Der Begriff bezieht zudem die Verteilung von, den Zugang zu sowie die Chancengleichheit in der Aneignung von Grünflächen durch verschiedene Bevölkerungsgruppen (im Sinne einer Nutzung entsprechend der eigenen Bedürfnisse bei einem möglichen Ausschluss anderer) ein.

Sozial-ökologische Zielkonflikte auf Stadt- und Quartiersebene:

Neue Debatten zu „grüner“ oder „Eco-Gentrification“ oder zur Sozialverträglichkeit einer ökologisch nachhaltigen bzw. grünen Stadt setzen sich darüber hinaus kritisch mit Zielkonflikten der sozialen und ökologischen Entwicklung auseinander, etwa im Kontext der Begrünung als Teil von Aufwertungsstrategien in Städten und Stadtquartieren, die etwa zur Verdrängung ärmerer Bewohner_innen führen kann oder einer energetischen Sanierung, welche das Wohnen verteuert.

 

Sozial-ökologische Ungleichheit in Ankunftsquartieren:

Mit dem Projekt KoopLab setzen wir einen besonderen Fokus auf Ankunftsquartiere; diese sind häufig geprägt von einer hohen Bevölkerungs- und Baudichte sowie fehlender Freiraumqualität im Wohnumfeld. Das Projekt zielt darauf ab, die Bewohner_innen solcher Gebiete zu ermutigen, ihre Interessen und Bedürfnisse zu artikulieren, um die Freiraumqualität in einem kooperativen Prozess zu verbessern. Dabei sollen die Teilhabe insbesondere marginaler Bewohner_innen gestärkt und Ungleichheiten/Ungerechtigkeiten gedämpft bzw. abgebaut werden.

 

Zum Weiterlesen:

Umweltbundesamt (2015): Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum – Entwicklung von praxistauglichen Strategien und Maßnahmen zur Minderung sozial ungleich verteilter Umweltbelastungen. Umwelt & Gesundheit 01/2015. Online unter: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/umweltgerechtigkeit-im-staedtischen-raum (20.6.2018)

Im Rahmen des Forschungsvorhabens „Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum“ wurden Grundlagen und Empfehlungen erarbeitet, um das Querschnittsthema Umweltgerechtigkeit im kommunalen Handeln zu implementieren. Der Bericht stellt die Projektbausteine anhand Expertisen und Fallstudien vor. Dabei werden Zugänge und Motivationen der Kommunalpolitik, die genutzten Daten und Indikatoren sowie Maßnahmen, Projekte und Instrumente untersucht. Abschließend werden sieben Handlungsfelder vorgestellt, darunter die Entwicklung von Grün- und Spielflächen, umweltfreundliche Mobilität und Luftreinhaltung sowie familien-, kinder-, jugend- und seniorenfreundliche Stadtteilentwicklung.

 

Hornberg, C.; Bolte, G.; Bunge, C. (Hg.)(2012): Umweltgerechtigkeit durch Chancengleichheit bei Umwelt und Gesundheit – Konzepte, Datenlage und Handlungsperspektiven. Bern: Huber; 2012. ISBN 9783456950495

Der Sammelband versucht einen integrierten, fach- und politikübergreifenden Einblick in die Probleme, aber auch Potenziale von Umweltgerechtigkeit zu geben. Er umfasst dabei theoretische Konzepte aus verschiedenen Disziplinen, empirische Daten und Analysen sowie Handlungsstrategien und konkrete Beispiele bereits implementierter Projekte und Programme. Der zentrale Ankerpunkt bildet stets die Verbesserung der Chancengleichheit bei Umwelt und Gesundheit. Die Autor_innen richten sich dabei sowohl an Wissenschaftler_innen als auch Praxis- und politisch-administrative Akteure.

 

Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)(2016): Umweltgerechtigkeit in der Sozialen Stadt. Gute Praxis an der Schnittstelle von Umwelt, Gesundheit und sozialer Lage. Online unter: http://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/Stadtentwicklung/Staedtebaufoerderung/Forschungsprogramme/SozialeStadt/Projekte/Umweltgerechtigkeit/endbericht.pdf?__blob=publicationFile&v=2 (20.6.2018)

Der Bericht fasst zentrale Ergebnisse eines Forschungsvorhabens zur Umsetzung des Themas Umweltgerechtigkeit im Programm Soziale Stadt zusammen. Die Autor_innen untersuchen eingesetzte Ressourcen, beteiligte Akteure und deren Erfahrungen sowie der Stellenwert des Themas Umweltgerechtigkeit allgemein. Als Praxisbeispiel wird die Integrierte Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption vorgestellt, welche mit den Indikatoren Lärmbelastung, Luftschadstoffe, Grünflächenversorgung, Bioklimatische Belastung und Soziale Problematik, wie z.B. (Langzeit-)Arbeitslosigkeit und Kinderarmut, arbeitet. Abschließend werden Handlungsempfehlungen an Bund, Länder und Kommunen formuliert.

 

Dooling, S. (2009): Ecological Gentrification: A Research Agenda Exploring Justice in the City, IJURR 33, 3, 621-39.

Der Beitrag analysiert den Zusammenhang zwischen urbaner Grünraumplanung und der Verdrängung sozial vulnerabler Gruppen, hier am Beispiel von Obdachlosen. Er basiert theoretisch auf Ideen von Harvey und Agamben und führt das Konzept der „ökologischen Gentrification“ ein. Empirisch beleuchtet er die Zielkonflikte zwischen den Bedarfen an urbanen Grünräumen durch verschiedene Gruppen mit einem deutlichen Machtgefälle. Dooling plädiert für ein robustes Verständnis der Rolle von urbanen Grünflächen im Sinne von mehr Gerechtigkeit für verschiedene Bevölkerungs- und Nutzer_innengruppen.

 

Haase, D.; Kabisch, S.; Haase, A. et al. (2017): Greening cities to be socially inclusive? About the alleged paradox of society and ecology in cities. Habitat International 64: 41-48.

In diesem Artikel diskutieren die Autor_innen die sozialen Effekte von Begrünungsstrategien, wie z.B. neue Parks, Dachgärten und Baumpflanzungen, welche die Attraktivität von öffentlichen Räumen erhöhen sollen und zum Wohlbefinden beitragen sollen. Anhand konkreter Fallbeispiele untersuchen sie die Rolle von Begrünungsstrategien im Kontext von Stadterneuerung und Aufwertungsprozessen und weisen darauf hin, dass diese meist auf mittlere und höhere Einkommensgruppen abzielen und zu Ungunsten benachteiligter Bevölkerungsgruppen wirken können. Maßnahmen zur Begrünung sollten kritisch diskutiert werden und zukünftige Debatten zur sozial inklusiven Entwicklung von Stadtgrün sollten sich verstärkt mit möglichen Zielkonflikten zwischen sozialer und ökologischer Entwicklung befassen.

Universität Osnabrück
IMIS - Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien
HELMHOLTZ - Zentrum für Umweltforschung - UFZ
ILS - Institut für Landes- und Entwicklungsforschung gGmbH